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Pferdewohl/Die stille Epidemie: Übergewicht, EMS und Hufrehe
Schimmel steht auf einer blühenden Sommerwiese
Pferdewohl · Reportage · Körper & Pflege

Die stille Epidemie: Übergewicht, EMS und Hufrehe

Je mehr sich die Rolle des Pferdes vom Arbeitstier zum Freizeit- und Begleittier verschoben hat, desto mehr ist Übergewicht zu einem der häufigsten Gesundheitsprobleme in der…

8 Min. Lesezeit·Aktualisiert August 2026

Je mehr sich die Rolle des Pferdes vom Arbeitstier zum Freizeit- und Begleittier verschoben hat, desto mehr ist Übergewicht zu einem der häufigsten Gesundheitsprobleme in der domestizierten Pferdepopulation geworden. Eine Zusammenfassung des Forschungsstands schätzt die Prävalenz von Übergewicht in domestizierten Populationen auf 19 bis 40 Prozent. Ein europäischer Konsensbericht zeichnet ein ähnliches Bild: In verschiedenen Pferdepopulationen liegt die Übergewichtsprävalenz in Großbritannien zwischen 21 und 45 Prozent, in manchen anderen Ländern niedriger – etwa 10 Prozent bei erwachsenen Islandpferden in Dänemark.

Was ist EMS?

Equines metabolisches Syndrom (EMS) beschreibt ein Bündel klinischer Abweichungen. Die Forschung definiert es als Insulinresistenz, allgemeines Übergewicht und/oder vermehrte Fetteinlagerung an bestimmten Körperstellen – verbunden mit erhöhtem Risiko für Hufrehe. Der Kern ist, was Forscher Insulindysregulation nennen: basale oder postprandiale Hyperinsulinämie und Insulinresistenz im Gewebe. Das wiederum erhöht das Risiko der ernstesten Folge – der Hufrehe.

Der Zusammenhang zwischen Insulinspiegel und Hufrehe ist experimentell gut belegt. Forschung hat gezeigt: Anhaltende Hyperinsulinämie löst bei gesunden Ponys und Pferden experimentell Hufrehe aus – damit steht ein Ursachenzusammenhang.

Hufrehe – die Folge, die niemand sehen will

Hufrehe gehört zu den ernstesten und schmerzhaftesten Zuständen, die ein Pferd treffen können. Die Forschung zeigt: Mehr als 90 Prozent der Pferde, die mit Hufrehe als primärem klinischem Symptom vorgestellt werden, haben den Zustand als Folge einer endokrinen Erkrankung entwickelt – meist des equinen metabolischen Syndroms.

Wen trifft es? Eine wichtige Nuance: Übergewicht ist keine Voraussetzung. Die Forschung stellt fest: Auch wenn Übergewicht ein häufiger Befund ist, kann EMS bei schlanken Tieren vorkommen – und nicht jedes übergewichtige Pferd erkrankt. Deshalb braucht es objektive Diagnostik, statt sich allein auf den Futterzustand zu verlassen.

Rasse und individuelle Unterschiede

Manche Rassen sind besonders empfindlich. Die Forschung hebt hervor: Bestimmte gezüchtete Rassen wie Shetlandponys, Esel und Miniaturpferde werden im Standardalltag oft weniger bewegt als viele andere Rassen – das kann das Risiko erhöhen. Dieselbe Forschung notiert: Pferde mit EMS werden oft als „leichtfuttrig“ oder „gute Futterverwerter“ beschrieben. Die Gene hinter diesem Phänotyp waren im Wildleben vermutlich von Vorteil, um Hungerperioden zu überstehen, weil sie die Futterverwertung verbesserten – ein evolutionärer Hintergrund, der in einer futterreichen Umgebung zum Risiko fürs Wohlbefinden wird.

Management: Futter und Bewegung im Fokus

Die Behandlung setzt in erster Linie auf Lebensstil, nicht auf Medikamente. Die Forschung betont: Das Management dreht sich um strikte Begrenzung schnell verdaulicher Kohlenhydrate im Futter, kontrollierte Raufutteraufnahme und das Streichen oder sorgfältige Steuern der Weide. Regelmäßige Bewegung verbessert die Insulinempfindlichkeit, muss aber an den Hufrehestatus des Pferdes angepasst werden – und passende Hufpflege ist entscheidend, weil chronische und wiederkehrende Hufrehe so häufig ist.

Praktisch für dich als Pferdehalter

Checkliste
  • Beurteile den Futterzustand regelmäßig – besonders bei empfindlichen Rassen.
  • Begrenze Weide und schnelle Kohlenhydrate, wenn EMS-Risiko besteht.
  • Ruf den Tierarzt bei Anzeichen von Hufrehe – schnelles Handeln entscheidet.

Bei Hästannons gehören Pferdewohl und verantwortliches Halten zusammen – egal ob du kaufst, verkaufst, züchtest oder reitest. Lies weiter in der Serie und in unseren praktischen Ratgebern.

Häufige Fragen

Was ist Equines metabolisches Syndrom (EMS)?

Ein Bündel aus Insulinresistenz, Übergewicht und erhöhtem Hufreherisiko – der Kern ist die Insulindysregulation.

Muss ein Pferd fett sein, um EMS zu bekommen?

Nein – EMS kann bei schlanken Tieren vorkommen, und nicht jedes übergewichtige Pferd erkrankt. Es braucht objektive Diagnostik.

Wie wird EMS in der Praxis gehandhabt?

Vor allem über die Fütterung (begrenzte schnelle Kohlenhydrate), kontrolliertes Raufutter, angepasste Weide und regelmäßige Bewegung sowie Hufpflege.

Mehr in der Serie

Die Basis des Wohlbefindens: Futter, Umgebung und körperliche Gesundheit—Das letzte Drittel: Was wir über das Wohlbefinden älterer Pferde wissen—Was man nicht sieht: Zahngesundheit und Parasiten als Frage des Pferdewohls

Quellen

  • Wyse et al. (2008), Stephenson et al. (2011), Thatcher et al. (2012), zitiert in Equine metabolic syndrome, PMC4552932
  • Durham et al. (2019), ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome, Journal of Veterinary Internal Medicine
  • Bertin, F.R., Diagnosis and management of equine metabolic syndrome, Equine Veterinary Education
  • Asplin et al. (2007), de Laat et al. (2010), zitiert in Bertin, Equine Veterinary Education
  • Argo, C. (2015), Equine obesity: beyond the equine metabolic syndrome, PMC4595172