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Pferdewohl/Das Dilemma des Sports: Gewinnen, ohne das Vertrauen des Pferdes zu verlieren
Schimmel und Reiterin im Sprung über ein Hindernis
Pferdewohl · Reportage · Sport & Gesellschaft

Das Dilemma des Sports: Gewinnen, ohne das Vertrauen des Pferdes zu verlieren

Kaum ein Umfeld spitzt die Frage nach dem Pferdewohl so klar zu wie der Turniersport.

9 Min. Lesezeit·Aktualisiert August 2026

Kaum ein Umfeld spitzt die Frage nach dem Pferdewohl so klar zu wie der Turniersport. Hier treffen der Wille, auf Topniveau zu leisten, und die Grundbedürfnisse des Pferdes aufeinander – zwei Kräfte, die nicht immer zusammenpassen.

Rollkur/Hyperflexion – eine Streitfrage seit Jahrzehnten

Die Technik, Kopf und Hals des Pferdes gegen die Brust zu drücken – Rollkur oder Hyperflexion genannt – wird seit über zwanzig Jahren diskutiert. Ein großer systematischer Überblick des Forschungsstands zeigte: Von 58 peer-reviewten, unabhängigen Studien zur Hyperflexion fand die überwältigende Mehrheit Folgen fürs Wohlbefinden; 28 Studien stellten konkret fest, dass sich das Wohlbefinden verschlechterte. Nur eine einzige Studie, von einem niederländischen Forscher 2006, fand die Technik potenziell vorteilhaft – in einem Vergleich zwischen Elite- und Freizeitpferden.

Der Forscher Paul McGreevy hat festgestellt: Hyperflexion verursacht Atemwegsobstruktion, pathologische Gewebeveränderungen in den Strukturen des Genicks, eingeschränkte Sicht nach vorn, Stress und Schmerz. Die Haltung der FEI selbst hat sich über die Zeit verschoben: 2008 zog der Ausschuss für Pferdewohl des Verbands seine Unterstützung der Praxis zurück und stellte fest, Hyperflexion in jedem Pferdesport sei ein Beispiel für psychische Misshandlung. Trotzdem definierte die FEI 2010 Hyperflexion neu als Halsbeugung, die durch aggressiven Zwang erreicht wird – statt die Technik als solche zu verbieten. Der Fokus wanderte von der Kopf-Hals-Position selbst dahin, wie sie erreicht wird.

Trotz Regelwerk bleibt das Problem in der Praxis. Niederländische Biomechanik-Forscher haben gezeigt: Das Reiten mit dem Kopf hinter der Senkrechten war in den WM-Prüfungen der Dressur 2008 deutlich häufiger als bei den Olympischen Spielen 1992 – die 15 bestplatzierten Pferde 2008 hielten den Kopf in den vier klassischen Dressurgängen im Schnitt mehr als 50 Prozent der Zeit hinter der Senkrechten, gegenüber nur zwei Gangarten bei den entsprechenden Pferden 1992.

Ausrüstung und Hilfsmittel werden immer enger geregelt

Im Springsport ist das Regelwerk zu Hilfsmitteln detaillierter geworden: Reiter dürfen das Pferd nicht am Kopf peitschen, nicht mehr als dreimal hintereinander peitschen, mit der Gerte keine Blutung verursachen, nach einer Disqualifikation nicht peitschen und nicht peitschen, „um der eigenen Frustration Luft zu machen“. Zugelassene FEI-Tierärzte kontrollieren Pferde vor und nach dem Wettkampf auf Zeichen von Misshandlung – einschließlich unnormaler Empfindlichkeit der Beine – im Springen wie im Distanzreiten.

Die laufende Arbeit der FEI am Pferdewohl

Die FEI hat ein breites Maßnahmenprogramm aufgesetzt: Ein Überblick über den Equine Welfare Strategy Action Plan des Verbands zeigt 37 konkrete Maßnahmen, von denen 26 in sechs Fokusfelder fallen – unter anderem Trainingsmethoden und Wettkampfausrüstung wie Gebiss, Sperrhalfter, Sporen und doppelte Zügel – während die übrigen übergreifend sind.

Gleichzeitig zeigt die Debatte: Das Vertrauen ins Regelwerk wird aus der Branche selbst heraus infrage gestellt. Vor der Regelrevision 2026 hat Polen dafür lobbyiert, Hyperflexion auf die Liste verbotener Methoden im FEI-Regelwerk zu setzen. Die FEI hat abgelehnt – mit dem Hinweis, man wolle laufende Arbeitsgruppen und Studien abwarten, bevor Änderungen kommen.

Leistung und Wohlbefinden – nicht zwangsläufig Gegensätze

Eine britische Fokusgruppenstudie mit Akteuren aus dem Pferdesport identifizierte den Konflikt zwischen den Anforderungen des Wettkampfs und den Bedürfnissen des Pferdes als Schlüsselfrage fürs Wohlbefinden. Gleichzeitig fanden die Teilnehmenden den Begriff „Lebensqualität“ besser als „Wohlbefinden“, weil Letzteres negative Konnotationen bekommen hatte. Dieselbe Studie fand: Die Teilnehmenden meinten, besserer allgemeiner Umgang und besseres Training würden fürs Wohlbefinden wahrscheinlich mehr bewirken als allein veränderte Turnierregeln.

Praktisch für dich als Pferdehalter

Checkliste
  • Bewerte Trainingsmethoden und Ausrüstung am Verhalten des Pferdes, nicht nur am Ergebnis.
  • Lerne Regelwerk und Grenzen für Ausrüstung in deiner Disziplin kennen.
  • Hol dir Hilfe bei Zeichen von Schmerz oder Stress – die Horse Grimace Scale kann Hinweise geben.

Bei Hästannons gehören Pferdewohl und verantwortliches Halten zusammen – egal ob du kaufst, verkaufst, züchtest oder reitest. Lies weiter in der Serie und in unseren praktischen Ratgebern.

Häufige Fragen

Was sagt die Forschung zu Hyperflexion/Rollkur?

Eine Mehrheit unabhängiger Studien weist auf negative Folgen fürs Wohlbefinden hin – Atemwege, Genick, Stress und Schmerz.

Tun Turnierregeln genug fürs Wohlbefinden?

Akteure im Sport meinen: Besseres Alltagstraining und besserer Umgang würden wahrscheinlich mehr bewirken als Regeländerungen allein.

Was tut die FEI fürs Pferdewohl?

Die FEI hat einen umfangreichen Equine Welfare Strategy Action Plan mit Maßnahmen zu Training, Ausrüstung und Wettkampfgerät.

Mehr in der Serie

Die stille Revolution in der Pferdewelt—Die Reise, die stresst: Was die Forschung zum Pferdetransport sagt—Die stille Sprache des Pferdes: Was das Verhalten über das Wohlbefinden verrät

Quellen

  • Warren-Smith & McGreevy (2010), zitiert in Welfare Over Winning: Protecting Show Horse Welfare, TheHorse.com
  • Hyperflexion the Parra Way is Abuse... 'But All Cases Are Different', Horse Sport
  • Uldahl & Clayton (2024), Hyperflexing the horse's neck: a systematic review and meta-analysis, Scientific Reports (Nature)
  • EW - FEI Equine Welfare Strategy Action Plan, FEI
  • FEI Announces Updates on International Equestrian Sport, Horse Illustrated
  • Campbell, M.L.H. (2016), Freedoms and frameworks: How we think about the welfare of competition horses, Equine Veterinary Journal